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23. Jan 2012 - EnEff:Stadt-Kongress 2012: Herausforderungen annehmen, Perspektiven entwickeln

Ausf�hrliche Beschreibung

"Kommunale Beiträge zur Energiewende" lautete das Motto des ersten EnEff:Stadt-Kongresses, der nach vier Jahren Forschung und Entwicklung Zwischenbilanz zog. Denn seit 2007 unterstützt das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWi)  die Bemühungen der Kommunen. Schließlich entscheiden sie bei der Umsetzung der Energiewende in Deutschland: Sie entscheiden über Versorgungsstrukturen, Bebauungspläne und energetische Standards in öffentlichen Gebäuden. Und der Einsatz neuer Technologien und moderner Planungsinstrumente kann diesen Gestaltungsspielraum deutlich erweitern. Hier genau setzt die Forschungsinitiative EnEff:Stadt an: Durch die Vernetzung energetischer Gebäudesanierung mit dezentralen kommunalen Versorgungstechnologien sowie der Entwicklung neuer Planungsmethoden und Instrumente für Stadtquartiere. In bislang 15 Pilotquartieren wurde mit der Entwicklung von Energiekonzepten begonnen; fünf davon befinden sich in der fortgeschrittenen Umsetzung.

Energiewende - Zäsur und Herausforderung

Zu Beginn der Veranstaltung machte Dr. Knut Kübler (BMWi) deutlich, welche Zäsur der Energiewirtschaft Deutschlands bevor steht. Das Energiekonzept und das 6. Energieforschungsprogramm der Bundesregierung geben die Ziele vor: Der Primärenergieverbrauch soll bis 2050 halbiert werden, erneuerbare Energien sollen 60 % der Wärme und 80 % des Stroms abdecken. Dies bedeutet im Wesentlichen Energieverbrauchsreduzierung - vor allem durch energieeffiziente Gebäude- und Stadtsanierung. Da zur Zeit jedoch neue Technologien für die Gebäudesanierung noch zu teuer in der Anwendung sind, ist verstärkte Forschung, Entwicklung und Erprobung in konkreten Projekten notwendig.

In seinem Grußwort schilderte Holger Lange, Staatsrat der Hamburger Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt, wie die Energiewende in Hamburg Gestalt gewinnt. Meilensteine waren bislang u.a. der Titel "Umwelthauptstadt" im Jahr 2011, der Masterplan Klimaschutz bis 2020 und 2050 und das Gesamtenergiekonzept für Hamburg. Auf deren Grundlage wurde eine verstärkte Sanierung des Gebäudebestands eingeleitet und auf der Erzeugungsseite Verhandlungen mit den örtlichen Energieversorgern zum Bau neuer Speicherkraftwerke und zum Ausbau von Fernwärme und Kraft-Wärme-Kopplung geführt. Hamburg stellt für die kommunale Energiewende seit 2001 etwa 26 Mio. Euro an Fördermitteln bereit. Aktuelle Highlights sind Verbundprojekte wie "Smart Power Hamburg", in dem Forscher und Energieversorger einen aus Stadtinfrastruktur (wie öffentliche Liegenschaften und potenzielle Energiespeicher) geprägtes SmartGrid und eine Plattform zum Austausch von Leistungen entwickeln wollen.

Megacities und nachhaltige Stadtquartiere

Dr. Michael Denkel, AS&P Albert Speer & Partner, richtete in seinem Referat zur Bedeutung des Quartiers für die energieeffiziente Stadt den Blick auf globale Entwicklungen: Bis 2030 wird es eine Milliarde neuer Stadtbewohner geben; und in den neuen Megacities z.B. in Asien fällt die Entscheidung zur Zukunftsfähigkeit der Menschheit. Andererseits sind Länder wie Deutschland mit Bevölkerungsrückgang und Überalterung sowie der Einrichtung im Bestand Labore für Technologien und Lebensstil. Die Entwicklung von Stadtmodellen für die Wissensgesellschaft oder die  Post-Wachstumsgesellschaft ist nötig, das Quartier jedoch die Handlungsebene. Deren vielfältige Entwicklungspfade wurden am Beispiel einiger Modellquartiere veranschaulicht: Masdar City, die CO2-neutrale Wissenschaftsstadt in der Wüste; die Frankfurter Heinrich Lübke-Siedlung als Sanierungsfall mit Bürgerbeteiligung und das Frankfurter Europaviertel. Schlussfolgernd entwickelte Michael Denkel sieben Säulen nachhaltiger Stadtplanung, getreu dem Credo von Tim Jackson "Wohlstand ohne Wachstum".

Podiumsdiskussion: Chancen und Risiken der Energiewende in Kommunen

Die anschließende Podiumsdiskussion widmete sich - moderiert von Dr. Knut Kübler - den Chancen und Risiken der Energiewende in Kommunen verbunden mit Statements zur energieeffizienten Stadt der Zukunft.

Dr. Dieter Attig, Stadtwerke Saarbrücken, umriß sein Zukunftsmodell für die kommunalen Energieversorger: Die notwendige Absatzminimierung ist für betriebswirtschaftlich orientierte Unternehmen wie die Stadtwerke schwer zu schultern. Intelligente Dienstleistungen und Produkte sind gefragt; auch ein verändertes Kundenverhalten. Dieser Idealismus muss jedoch von der Politik  unterstützt werden; z.B. durch die Förderung neuer Technologien wie Langzeitspeicher, eine forcierte Markteinführung der erneuerbaren Energien, der Nahwärme mit KWK (für mittlere und größere Städte) und der Entwicklung von E-Mobility-Konzepten. Entscheidend für die Umsetzung seien jedoch die Macher in den Unternehmen.

Thomas Theisen, RWE Deutschland, verdeutlichte den in den letzten Jahren stattfindenden Paradigmenwechsel im eigenen Hause. Sinnbildlich dafür seien die Forschungs- und Entwicklungsarbeiten an Zukunftsthemen wie Smart Grid und Smart Meter, aber auch 27 GW installierte Photovoltaik-Leistung oder 27 GW Wind-onshore in Deutschland. Perspektivisch stellt sich auch aus Sicht Theisens die Aufgabe, den systemischen Ansatz von Prozessen, Produkten und Energiediensten stärker zu verbreiten und praktisch zu erproben. Nur: Er muss am Ende auch wirtschaftlich umgesetzt werden.

Axel Gedaschko, Präsident des GdW Bundesverband der deutschen Wohnungs- und Immobilienunternehmen, sprach aus Sicht der Wohnungswirtschaft auch die Hemmnisse an: Nach der Energieeffizienzerhebung des GdW konnten im "eigenen" Bestand seit 1990 nur 31 % CO2-Einsparung, in allen Wohnungen bundesweit nur 20 % CO2-Einsparung erzielt werden. Neben dem altbekannten Mieter-Eigentümer-Dilemma und den oft sehr heterogenen Eignetümerstrukturen in Städten kommt hinzu, dass neben energetischen Kriterien auch die soziale Nachhaltigkeit zu beachten ist. Und: Nach einigen Jahren Bestandssanierung ist heute der Punkt erreicht, an dem die sog. "Low hanging fruits" bereits abgeerntet sind. Zusätzliche Effizienzgewinne sind nur mit höherem Aufwand zu erzielen. Die Mieter scheinen jedenfalls motiviert: Die Umfrage ergab auch, dass sich 80 % von ihnen für eine energetische Sanierung aussprechen. Allerdings sind nur noch 45 % dazu bereit, wenn definitiv Mehrkosten entstehen. Wichtige Vorraussetzung für die signifikante Erhöhung der Sanierungsrate ist nach Ansicht von Axel Gedaschko die Entwicklung massentauglicher Dämmstoffe mit geringerer Dicke.

Michael Westhagemann, CEO Region Nord, Siemens AG, betonte, dass die Energierevolution auch die Industrie verändert, z.B. E-Mobility in der Automobilindustrie. Größte Herausforderung sei der Umbau des Energiesystems - hin zu flexibleren, stark dezentralen Strukturen mit Einspeisung ins öffentliche Netz und dem Einsatz erneuerbarer Energien. Gleichzeitig tritt eine Rollenänderung der Akteure ein: Der einst reine Verbraucher wird - zumindest teilweise - auch Erzeuger, als sog. Prosumer. Diese Prozesse müssen jedoch intelligent gesteuert werden. Und die Erschließung von Zukunftsmärkten wie der Offshore Windernergienutzung darf nicht wegen unzureichender Netzkapazitäten gebremst werden. Bei all diesen Veränderungen gilt: Die Bürger müssen mitgenommen werden!

Prof. Manfred Hegger, TU Darmstadt, fokussierte auf das Gebäude bzw. den Stadtteil als Ausgangspunkt von Effizienzbemühungen. Wichtig sei es, den Menschen (und Nutzer von Raum und Technik) einzubeziehen, denn er kontrolliert und steuert Energiebedarf und -erzeugung. Für die nachhaltige Entwicklung von Stadtquartieren sei der derzeitige Sanierungsumfang unzureichend: Es fehlen ausreichend Mittel und oft sei die Planung von Projekten und Einzelmaßnahmen fehlerhaft. Hilfreich ist es, energetische Ansprüche adäquater zu formulieren. Ein Neubau muss nicht in jedem Fall als Passivhaus realisiert werden; auch die Einbindung erneuerbarer Energien in das Gebäudekonzept ist bedeutsam für die Energie- und Stoffbilanz über den kompletten Lebenszyklus des Gebäudes. Für das gesamte Stadtquartier heißt dies: Senken und Quellen müssen beachtet werden und können im Austausch genutzt werden. In diesem Sinne werden bis 2050 viele neue Beispiele für Modell-Quartiere benötigt. Die Initiative EnEff:Stadt des BMWi ist deshalb so wichtig.

Peter Kronenberg, Imtech Deutschland, erkennt in der Energiewende auch große Chancen: Energieeffizienz-Maßnahmen erzeugen gravierende Folgeinvestitionen. Die Energiewende als Ganzes finanziert sich selbst durch Energieeffizienz. Somit gerät der volkswirtschaftliche Nutzen zum Hebel für Klimaschutzziele. Das Ziel ist die Entwicklung von Technologien, die nicht nur innovativ, sondern auch nachhaltig wirtschaftlich sind. Die ermittelte 17 %ige Kapitalrendite von Energieeffizienzmaßnahmen im Bereich der Sanierung ist schließlich eine exzellente Kapitalanlage. Die Erfolgsfaktoren: Einsatz geprüfter Technologien, Qualifizierung der Fachleute und breite Einbindung anwendungshemmender Verfahren und Finanzierungsmodelle wie dem Energiemanagement als Dienstleistung.

Bernd Tischler, Oberbürgermeister der Stadt Bottrop, schilderte Anspruch undd Aktivitäten von Bottrop als "Innovation City", als Modellstadt für Energieeffizienz und Klimaschutz. Denn die Energiewende ist die Chance für Deutschland und seine Städte und Gemeinden für einen nachhaltigen Umbau sowie für Prozessinnovationen unter Einbeziehung der Beteiligten. Eine solche nachhaltige Anpassung kann auch Rückbau oder Abriss bedeuten und birgt damit neue Möglichkeiten für Effizienzgewinne. Dies ist auch in Zeiten großer kommunaler Finanzprobleme möglich. Notwendig ist aber die Motivation und Aktivierung aller beteiligten Akteure: So wurden in Bottrop im Rahmen von "Innovation City" 20.000 Unterschriften für einen Stadtumbau gesammelt. Die Motivation von Eigentümern erfolgt über ein neues Beratungs- und Informationszentrum. Flankierend wurden z.B. 500.000 Euro zum Austausch „alter Fenster an lauten Straßen“ bereit gestellt - mit grandiosem Erfolg. Ziel von "Innovation City" ist eine CO2-Reduktion um 50 % in 10 Jahren.

Die Antworten auf die abschließende Frage des Moderators, "Worin würden Sie investieren, wenn Sie 500 Mio. Euro zur Verfügung hätten?" reichten vom virtuellen Kraftwerk und Langzeitspeichern über die Akzeptanzforschung und Mietrechtsänderung bis hin zu neuen Instrumenten für die Quartiersplanung und -evaluierung. Einig waren sich alle Podiumsteilnehmer darin, dass mehr ganzheitlich angelegte Planungen und Projekte initiiert werden sollten.

Gebäudesanierung und dezentrale Wärmeversorgung

Prof. Dr. Gerhard Hausladen, TU München, widmete seinen Beitrag der Wärmeversorgung auf Basis erneuerbarer Energien. Er riet dazu, immer wieder zu überprüfen, ob z.B. 20 cm Wärmedämmung, Null- bzw. Plusenergiehäuser der richtige Weg seien. Lokale Potenziale, die dortige Verfügbarkeit von Energie, regenerative Energieversorgungskonzepte und eine strukturierte Vorgehensweise in der Umsetzung sind Faktoren, die lokal angepasste und nachhaltige Lösungen bestimmen. Ein Beispiel dafür ist der sogenannte Energienutzungsplan. Sein Ziel ist die planerische Abwägung und Abstimmung von Einzelmaßnahmen auf der Ebene der Flächennutzungsplanung. Dazu werden die siedlungsbezogenen Energiebedarfe abgeschätzt und grafisch in ein Kartenwerk übersetzt - analog dem Flächennutzungsplan. Es dient neben einer Bestands- und Potenzialanalyse als Entscheidungshilfe für die kommunale Energieplanung. Illustriert wurde die Anwendung dieses Instrumentariums und seine Umsetzung in detaillierte Energiekonzepte am Beispiel der Gemeinden Taufkirchen und Ismaning.

Hans Erhorn, Fraunhofer IBP, wies mit seinem Beitrag nach, dass eine hocheffiziente Gebäudesanierung heute Einsparungen um den Faktor 5 bis 10 sowie niedrige Systemtemperaturen (Low-Ex) für die Wärmebereitstellung ermöglicht. In den letzten 30 Jahren konnte der Energiebedarf von Neubauten im Mittel jährlich um ca. 5 kWh/m²a durch fortentwickelte innovative Technologien gesenkt werden; das Potenzial ist mit steigendem Wärmeschutz leicht rückläufig, beträgt derzeit aber immer noch jährlich ca. 3 kWh/m²a. Und: Die Erprobung und Umsetzung von Plusenergie-Konzepten ist wichtig, da hierbei Gebäudeplanung und Energieversorgung als integrale Arbeit durchgeführt werden muss. Die Forschungsinitiative EnEff:Stadt demonstriert in ihren Pilotprojekten - angelehnt an eine eigens entwickelte Siedlungstypologie - solche praktischen Ansätze. Drei dieser Vorhaben wurden vorgestellt: Die Sanierung eines Wohnblocks in München Haidhausen mit dem Ziel einer CO2-neutralen Wärmeversorgung; die Sanierung eines Hochhauses zum Passivhaus in Freiburg-Weingarten und die Gebäudesanierung mit vorgefertigten Holzfassadenelementen und Fassadenheizung in Bad Aibling.

Prof. Dr. Ursula Eicker, Hochschule für Technik Stuttgart, thematisierte die komplexe Integration erneuerbarer Energien in die dezentrale Wärmeversorgung am Beispiel der EnEff:Stadt-Projekte in Ludwigsburg und Berlin-Adlershof. Die Fragestellung in beiden Fällen: Wie versorgt man ein - nach bisherigen Maßstäben - nicht „fernwärmewürdiges“ Gebiet mit Fernwärme? Und wie bindet man regenerative Energien (z. B. Solarthermie) sinnvoll ein? Dazu war in beiden Gebieten ein starker Strukturwandel erforderlich: weg von der Einzelversorgung hin zur Wärmebereitstellung über Fern- oder Nahwärme sowie objektbezogener KWK. Im Ergebnis beider Studien werden auch im Wärmebereich mit höheren solaren Deckungsgraden ohne saisonale Speicher virtuelle Kraftwerke interessant. Die gekoppelte Wärmenutzung (Eigenverbrauch und Rückspeisung) ist noch wenig verbreitet; umso wichtiger werden in Zukunft neue Netz-Regelungskonzepte und Messtechnik (bidirektionale Wärmemengenzähler) für dezentrale Einspeisung.

Von Adlershof bis Zwickau...

Neben den Plenumsvorträgen wurde zweimalig ein Posterrundgang angeboten. Carsten Beier vom Fraunhofer UMSICHT stellte die Poster der aktuell 40 laufenden Forschungsvorhaben von EnEff:Stadt und EnEff:Wärme kurz und prägnant vor. Die Projektleiter der Pilotvorhaben standen anschließend im 1. und 2. Obergeschoss Rede und Antwort.

Plusenergiehaussiedlungen, lokale Wärmenetze, Rebound-Effekte

Prof. Dr. Werner Jensch, Ebert-Ingeneure/Hochschule München, widmete sich der Definition und Bewertung von Plusenergiehaus-Konzepten. Die Definition kann grundsätzlich endenergetisch oder primärenergetisch erfolgen, eine Einteilung nach 3 Stufen: vollständige Einspeisung, größtmögliche Eigennutzung, Energieautarkie und Überschusseinspeisung. Zudem ist wichtig, welche Energieträger eingesetzt werden. Eine Matrix mit solchen Stufen und Energieträgern kann die Grundlage für eine Klassifizierung in Form eines Energieausweises - erweitert um 3 Plusenergieklassen - bilden. Am Beispiel der Plusenergiesiedlung Ludmilla-Wohnpark in Landshut wurde die energetische Bewertung eines Quartierskonzepts dargestellt. In diesem Pilotprojekt war auch der Einfluss von Plusenergiesiedlungen auf das Stromnetz der Energieversorger Gegenstand der Untersuchungen.

Dr. Andreas Schleyer und Dr. Stephan Richter, GEF Ingenieur AG, stellten sich der Frage "Können Wärmenetze einen Beitrag zur Umsetzung des Energiekonzepts auf kommunaler Ebene leisten?" Dazu wurden 7 Thesen formuliert, die die Bedeutung energieeffizienter Wärmenetze betonen: So können sie Wärmequellen und -senken ausgleichen und Quartiere miteinander verbinden. Sie haben enorme Hebelwirkung bei Maßnahmenumsetzung und sind Sammelschienen für effiziente Wärmeerzeugungstechniken. In Verbindung mit KWK ermöglichen Wärmenetze geringe CO2-Vermeidungskosten. Und: Wärmedämmung und Wärmenetze widersprechen sich nicht. Denn Wärmenetze sind nur in kommunalen Zentren mit ausreichender Wärmedichte sinnvoll.

Im Rahmen der wissenschaftlichen Begleitung des Quartierskonzepts Karlsruhe-Rintheim wurden durch das Team von Prof. Dr. Dirk Müller, E.ON Energy Research Center der RWTH Aachen, große Datenmengen gemessen bzw. ermittelt. Diese Daten wurden in einem Datenbanksystem raum-, komponenten- und bauteilscharf strukturiert zugänglich angelegt und sind damit auch projektübergreifend nutzbar. Mit einer weiterführenden Auswertung der Rintheimer Messdaten konnten Erkenntnisse über den sog. Rebound Effect gewonnen werden - Antworten auf die Frage, warum in der Praxis die tatsächliche Energieeinsparung so oft von der errechneten abweicht. Neben innovativem Technikeinsatz in unterschiedlichen Sanierungsvarianten ist natürlich der Nutzer ein entscheidender Faktor. Deshalb soll im weiteren Projektverlauf die Datenanalyse fortgesetzt und um Interviews, eine Fragebogenaktion sowie Informationsveranstaltungen zur Wissensvermittlung ergänzt werden. Ziel ist der Aufbau von spezifischen Nutzerprofilen für dynamische Modelle.

Die Vision: Energieeffiziente Stadt der Zukunft

Uli Hellweg, Geschäftsführer der IBA Hamburg, präsentierte unter dem Titel "100 % Erneuerbares Wilhelmsburg" einen Strauß von Modellprojekten der IBA, der 8. Internationalen Bauausstellung in Deutschland seit 1901. Drei  Leitthemen prägen die IBA: "Metrozonen: Neue Räume für die Stadt", realisiert in Wilhelmsburg Mitte; "Kosmopolis: Vielfalt, die das Leben reicher macht", umgesetzt im sog.  Weltquartier. Und: "Stadt im Klimawandel: Wachstum im Einklang mit der Natur, neue Energien für die Stadt" - ein Thema, das in Hamburg angesichts vergangener Sturmfluten und der notwendigen Klimaanpassung von großer Bedeutung ist. In diesem Kontext entstanden Projekte wie das LichtAktiv Haus (Velux), das Open House (Passivhaus-Neubau), das IBA Dock (Hydrothermie: Beheizung aus dem Tidenhub), der Energieberg (2 Windkraftanlagen und großes PV-Feld auf einem Abfallentsorgungshügel), regenerative Wärmenetze und der Energiebunker. Eine Exkursion zum Abschluss des Kongresses bot Gelegenheit zum Einblick vor Ort auf der Elbinsel Wilhelmsburg. Im Rahmen von EnEff:Stadt wird ein einheitliches Monitoringkonzept für über 40 Einzelprojekte und das Gesamtgebiet der IBA Hamburg entwickelt, Energieerzeugung und -verbrauch des gesamten
IBA-Gebietes werden überwacht, analysiert und dokumentiert. Das Monitoring soll gesicherte Aussagen über Erfolg und Defizite von Anlagenkonzepten liefern und Verbesserungsmöglichkeiten für Planer, Investoren, Nutzer und Verwalter aufzeigen.

Dr. Michael Beckereit, Geschäftsführer der HAMBURG ENERGIE GmbH, näherte sich der Vision einer energieeffizienten Stadt der Zukunft. Denn diese ist Impulsgeber für zukünftige Planungen von Städten und Quartieren – veranschaulicht am Pilot-Verbundprojekt "Smart Power Hamburg". Sie ist beispielhaft für eine Nutzung der vorhandenen Ressourcen – Beispiel: Die Entwicklung eines Klärwerks vom Stromfresser zum Energieproduzenten. Und: Die energieeffiziente Stadt der Zukunft ist die Antwort auf die Entwicklung der Urbanisierung; hiefür kann modellhaft die dezentrale Abwasserentsorgung durch den HAMBURG WATER Cycle stehen. Wege zur energieeffizienten Stadt der Zukunft zu ebnen, bedeutet, vorhandene städtische Strukturen zu nutzen. Gemeint sind lokale Ressourcen, Infrastrukturen sowie die Beteiligung der Bürger. Daneben gilt es auch, die wirtschaftlichen Potenziale zu erschließen: durch die Einbindung erneuerbarer Energien, die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle und den Ausbau regionaler Erzeugung als Wirtschaftsfaktor.

Abschluss und Ausblick

Zum Abschluss des ersten EnEff:Stadt-Kongresses richtete Frau Dr. Rodoula Tryfonidou, BMWi, den Blick auf die Perspektiven: EnEff:Stadt und EnEff:Wärme werden sich in Zukunft neben der Technologieentwicklung verstärkt Fragen der Akzeptanz und Bürgerbeteiligung, dem Nutzerverhalten, der Umsetzung integraler Planungskonzepte sowie der Entwicklung kostenoptimaler Lösungen zuwenden. Schon heute machen dies die aktuell 40 Pilotprojekte deutlich.

Eine Reihe dieser Projekte entwickelt neue Planungsmethoden bis hin zu Simulationsprogrammen, die künftig verstärkt in der Praxis zur Anwendung kommen sollen.  Das Besondere: In sämtlichen Pilotprojekten erfolgt eine detaillierte messtechnische Begleitung, um die erzielten Ergebnisse zu dokumentieren. Die Messdaten stehen, über die einzelnen Projekte hinaus, der „Scientific Community“ für weitergehende Forschungsarbeiten zur Verfügung. Die EnEff:Stadt-Begleitforschung hat mit dem Anfang 2011 erschienenen Buch „Energetische Quartiersplanung“ einen ersten Überblick über den Forschungsstand in Deutschland gegeben und vermittelt Einblicke in die innovative energetische Gebäudesanierung sowie die energieeffiziente Infrastruktur von Quartieren. Zudem wurden bestehende energetische Quartierstypologien weiterentwickelt, die künftig in das Konzept der Forschungsinitiative einfließen werden.

Die energietechnische Modellierung auf kommunaler Ebene scheitert meist an datentechnischen Hindernissen und dem für die Nutzung der Modelle erforderlichen Expertenwissen. Diese Hürden sollen beseitigt werden, indem z.B. die Datenanalyse und der Datenaustausch durch geeignete Schnittstellen vereinfacht und die Bedienbarkeit der Modelle erleichtert wird. Mit der im 6. Energieforschungsprogramm angekündigten Initiative En:Sys sollen Arbeiten zur methodischen Weiterentwicklung systemanalytischer Instrumente gefördert werden. Die in EnEff:Stadt erhobenen Daten bilden die Basis hierfür. Um den Erkenntnis-Transfer aus diesen Aktivitäten zu beschleunigen, wird eine intensivere Vernetzung mit nationalen und internationalen Forschungsprogrammen wie z.B. dem EU-Setplan "Smart Cities" angestrebt.

Frau Dr. Tryfonidou dankte den Vortragenden und Projektleitern sowie allen Teilnehmern für ihre sachkundigen Beiträge sowie der Begleitforschung und den Sponsoren für ihr Engagement.

Publikation zum Kongress:

 

Zu den Sonderseiten "EnEff:Stadt-Kongress 2012":

Zusätzliche Informationen: