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13. Feb 2017 - "Wir müssen noch eine Schippe drauflegen"

Ausf�hrliche Beschreibung

Ort der Veranstaltung war der Schöneberger Gasometer. Vor gut hundert Jahren von den Berliner Gaswerken errichtet, versorgte er zunächst die Berliner Straßenbeleuchtung und die steigende Zahl privater Gasherde. Heute ist er das Wahrzeichen des EUREF-Campus, ein CO2-neutrales Vorzeigequartier mit dezentraler Energieversorgung und zugleich Standort von Forschungseinrichtungen und Unternehmen, welche sich mit der Energiewende befassen.

Das von der Bundesregierung gesetzte Ziel, den Gebäudebestand bis 2050 klimaneutral zu gestalten, erfordert eine Senkung des Energieverbrauchs im Gebäudesektor um 80 Prozent im Vergleich zu heute. Das erfordere gewaltige Anstrengungen, betonte Dr. Frank Heidrich vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) bei der Begrüßung der Konferenzteilnehmer. Die Energiewende sei zwar schon ein gutes Stück vorangekommen; das liege nicht zuletzt an vorbildlichen Projekten aus der Forschung. Doch bei der Überführung der in der Forschung entwickelten Konzepte und Technologien in die breite Anwendung gebe es noch großen Handlungsbedarf. „Da müssen wir noch eine Schippe drauflegen“, fügt Heidrich hinzu.

Forschung bündeln, Themen vernetzen

Das will das Bundeswirtschaftsministerium mit der neuen Forschungsinitiative ENERGIEWENDEBAUEN erreichen. Sie fasst die Forschungsfelder Energieoptimiertes Bauen (EnOB), Energieeffiziente Stadt (EnEff:Stadt) und Energieeffiziente Wärmeversorgung (EnEff:Wärme) unter einem Dach zusammen und ergänzt diese um die Themen thermische Energiespeicher und Niedertemperatur-Solarthermie. Das soll diese Forschungsaktivitäten bündeln und inhaltlich stärker vernetzen. Denn Gebäude werden in Zukunft viel stärker mit dem Stromnetz interagieren. Die Grenzen zwischen Stromerzeuger und Stromverbraucher werden dabei fließend. Zukünftig sollen vermehrt sogenannte netzdienliche Gebäude mit dem öffentlichen Stromnetz kooperieren, welches in immer stärkerem Maße regenerativ erzeugten Strom bereithält.

Auch in der Wärmeversorgung gibt es große Veränderungen: Im urbanen Raum werden einzelne Gebäude zu größeren Energieeinheiten verbunden und in den dafür notwendigen Wärmenetzen fließt zunehmend erneuerbare Energie. Hinzu kommt, dass Strom- und Wärmesysteme immer stärker gekoppelt sind, beispielsweise über elektrisch angetriebene Wärmepumpen und thermisch aktivierte Bauteilsysteme. Es müssen also komplexe, systemische Konzepte geplant und gebaut werden. Lösungen von der Stange gibt es dabei kaum, zu unterschiedlich sind die energetischen Rahmenbedingungen in den einzelnen Quartieren und Städten.

Technologische Trends und gesellschaftliche Akzeptanz

In vier Impulsvorträgen wurden die Teilnehmer auf die mit der Energiewende verbundenen Herausforderungen eingestimmt und die Chancen und Trends benannt. Für Kamel Ben Naceur, Direktor für Sustainability, Technology and Outlooks in der Internationalen Energie-Agentur (IEA), sind energieeffiziente Städte der Schlüssel zur Reduktion von Klimagasemissionen. Hierbei sei der Wechsel von Verbrennungsmotoren auf elektrische Verkehrssysteme entscheidend. Aber auch Kraft-Wärme-Kopplung und städtische Wärmenetze leisteten einen ebenso wichtigen Beitrag zur Dekarbonisierung wie die erneuerbaren Energien. Im globalen Maßstab sieht Ben Naceur für die Biomasse eine dominante Rolle, wenn das Zwei-Grad-Ziel bis 2050 erreicht werden soll.

Für Christian Stolte von der Deutschen Energie-Agentur (dena) ist die Energiewende eigentlich ein gesamtgesellschaftliches Thema, das bislang zu sektorenhaft und nach spezifischen Interessen begriffen und diskutiert werde. Florian Bokermann vom Übertragungsnetzbetreiber Tennet TSO berichtete von den Ausbauzielen des Südlink-Projekts. Er sieht diese Stromschiene, die den Norden und Süden Deutschlands bis 2025 mit einer leistungsfähigen Stromleitung verbinden soll, als „Hauptschlagader“ der Energiewende. Doch ein solch massiver Netzausbau erfordere Akzeptanz. Als Erfolg verbucht Bokermann das beim Netzausbau inzwischen praktizierte Bürgerbeteiligungsmodell mit webbasierten Tools und Veranstaltungen vor Ort.

Dr. Fiona Williams von dem Mobilfunk-Netzwerkausrüster Ericsson sieht mit 5G die nächste Generation des Mobilfunks in den Startlöchern. Diese Technologie sei auch für vernetzte Anwendungen in Energietechnik und Verkehr hochinteressant. Denn 5G ermögliche in wenigen Jahren extrem hohe Übertragungsraten (Faktor 1.000), bei um Faktor 10 geringerem Energieaufwand, höhere Reichweiten und eine bessere Gebäudedurchdringung (20 dB) sowie extrem geringe Latenzen für Echtzeitanwendungen (< 5 ms). Der neue Mobilfunkstandard könnte daher zur technologischen Basis von Smart Grids und zukünftigen Gebäuden und Quartieren als intelligent vernetzte Energieeinheiten werden.

Handlungsfelder für Forschung und Anwendung

Während des Kongresses wurden modellhafte Forschungsprojekte präsentiert: Mehrere Plusenergie- und netzdienliche Gebäude, unterschiedliche dezentrale Energieversorgungskonzepte für Stadtquartiere, neue Ansätze für Wärme- und Kältenetze sowie Methoden und Werkzeuge zur Simulation und integralen Planung von Gebäuden, Quartieren und Städten. In der sich anschließenden Diskussion kristallisierten sich folgende wesentlichen Ergebnisse heraus:

 

  1. Bei der Gebäudesanierung geht es in Zukunft vor allem um kostengünstige und minimalinvasive Sanierungskonzepte. Nur so kann der gesamte Gebäudebestand in der Bilanz nahezu klimaneutral werden.
  2. Die Vernetzung von Gebäuden und Quartieren zu netzdienlichen und mit Strom- und Wärmenetzen kooperierenden Einheiten ist ein qualitativ neuer Schritt, wofür es noch einigen Forschungs- und Entwicklungsbedarf gibt. Weitere, flankierende technologische Entwicklungen sind erforderlich, damit Gebäude flexibel und bedarfsgesteuert mit den Netzen interagieren und Erzeugungs-, Energiespeicher- und Verteilungsfunktionen im Energiesystem ausüben können.
  3. Auf Quartiersebene sind lokal angepasste, dezentrale Wärmeversorgungslösungen zu entwickeln und die Integration erneuerbarer Wärme zu erproben – technisch, organisatorisch und ökonomisch.
  4. Bei der Planung und dem Betrieb vernetzter Gebäude und Quartiere sind neue Planungsmethoden, Tools und Beteiligungsprozesse erforderlich, um die Effizienzpotenziale tatsächlich und qualitätsgesichert nutzen zu können.
  5. Verlässliche, weniger komplizierte und harmonisierte Rahmenbedingungen sind in vielen Bereichen notwendig, um neue Konzepte auch wirtschaftlich und praxistauglich zu machen. Beispielsweise im Bereich der Baugesetzgebung oder der Netzentgelte bei der Erbringung dezentraler Netzdienstleistungen.

Forschung ist bei der Entwicklung und Erprobung neuer Ideen bis hin zur Marktreife unverzichtbar. Doch letztlich, da waren sich die Teilnehmer einig, gehe es um die breite Anwendung von Energieeffizienz und erneuerbaren Energien. Neue Konzepte und Technologien müssten also "auf die Straße gebracht werden", wie Professor Norbert Fisch von der TU Braunschweig in seiner Präsentation des Zukunftsraums Wolfsburg als ein energetisch vernetztes Quartier betonte.

Die Langfassung des Veranstaltungsberichts erhalten Sie hier ...


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